{"id":134,"date":"2019-11-27T11:30:03","date_gmt":"2019-11-27T09:30:03","guid":{"rendered":"http:\/\/angelikahensgen.hensgen.de\/?page_id=134"},"modified":"2021-03-27T11:30:09","modified_gmt":"2021-03-27T09:30:09","slug":"fortsetzung-3","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/angelikahensgen.hensgen.de\/?page_id=134","title":{"rendered":"Fortsetzungsroman"},"content":{"rendered":"\n<p>-Nur in diesem Blog-<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Anmerkung vorweg, die ich am 1. M\u00e4rz gemacht hab und als Einleitung auch nicht schlecht finde:   <strong>(<em>1. M\u00e4rz 2021 &#8230; :D, da sich niemand beschwert hat, hat auch niemand die Fortsetzung vermisst. Komm erst jetzt wieder dazu und find die Geschichte immer noch spannend, obwohl sie aus der Steinzeit der sozialen Medien stammt, gerad war ICQ aufgekommen. Okay, viel Vergn\u00fcgen, wenn euch der seelische Zustand von Jugendlichen interessiert. Trotz aller technischen Entwicklung hat sich seit  &#8222;Sch\u00fcler Gerber&#8220; von Friedrich Torberg \u00fcber &#8222;The Wall&#8220; von Pink Floyd bis heute nicht viel daran ge\u00e4ndert, dass es Heranwachsenden oftmals sch&#8230; schlecht geht.<\/em>)<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Also f\u00fcr das Folgende: dick gedruckt und in Klammern stehen Anmerkungen von mir, der Autorin, meist ja nur &#8222;(Fortsetzung folgt)&#8220; \ud83d\ude00 aber manchmal auch ein bisschen mehr. Die Hauptkapitel des Romans sind Tage- s.u. <strong>I. Mittwoch <\/strong>etc. &#8211; die Unterkapitel sind mit den Namen der Protagonist*innen \u00fcberschrieben, aus deren Perspektive der Tag erlebt wird -s.u. <strong>Marlon<\/strong> &#8211; die Zahlen in den Klammern hinter den Unterkapiteln gibt es im Originalroman nicht, das ist nur die Nummer der Fortsetzung auf diesem Blog.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Allein <\/h2>\n\n\n\n<p><em>&#8211; Er sagt, unsere Erfahrung gleicht der eines Mannes in einer H\u00f6hle, der Schatten auf einer R\u00fcckwand verfolgt, die von einer unbekannten Quelle darauf geworfen werden. Die Schatten, die wir sehen , sind nur unvollkommene Abbilder der wirklichen Menschen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8211; Der wirklichen Menschen? Wenn man sie nicht sehen kann, wo sind sie dann?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8211; Hier. In der Nacht. In unseren Tr\u00e4umen. Das ist wirklich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>(Justin und Sally zum H\u00f6hlengleichnis)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>I.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mittwoch, 29. Oktober<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Marlon<\/em><\/strong> (1)<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon stieg die Stufen hinunter wie ein alter Mann. Die Mathearbeit lag ihm schwer im Magen. Er hatte nicht richtig mitgearbeitet die letzte Zeit und in Mathematik bekam man sofort die Quittung. Zumindest er. Er legte den Rucksack unter die Garderobe und stie\u00df die K\u00fcchent\u00fcr auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine G\u00fcte, Marl, musst du einen so erschrecken?\u201c Der vorwurfsvolle Unterton in der Stimme seiner Mutter nervte Marlon. Wortlos lie\u00df er sich auf seinen Platz fallen. Er sch\u00fcttete ein paar Flakes in eine Schale und goss Milch dar\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuten Morgen, Marl.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuten Morgen\u201c, murmelte er. Er wollte seiner Mutter keinen Grund zur Ver\u00e4rgerung geben. Im Gegenteil, immer nahm er sich vor nett zu sein. Aber jedes Mal ging das schief. Sie sagte etwas und er war sauer. Er studierte die Aufschrift der Flakes Kiste von den Inhaltsstoffen bis zum Fitnessrezept. Dann lie\u00df er den Blick hinaus in den Garten gleiten. Ganz hinten stand die alte Laube, in der sie immer gespielt hatten, er und Nele. Schnell wandte er den Blick ab. Er wollte nicht daran denken. Seid sie nach Frankfurt gegangen war, war zu Hause nichts mehr wie vorher.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist nett, Marl, dass du dich mit mir unterh\u00e4ltst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Brandes nahm einen Schluck Kaffee und sah ihren Sohn \u00fcber den Rand der Tasse an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir schreiben heute eine Mathearbeit.\u201c&nbsp; Es klang wie eine Entschuldigung und so war es auch gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch, davon hast du gar nichts erz\u00e4hlt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon zuckte mit den Achseln. \u201eWas hast du denn davon?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch m\u00f6chte es eben wissen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Augen seiner Mutter sprach ehrliches Interesse. Und f\u00fcr einen Moment tat sie ihm leid. Sie bem\u00fchte sich so, aber immer wurde alles falsch. Er konnte sie nicht wirklich ernst nehmen. Darum war Nele auch abgehauen, da war er sich sicher. \u201aSo wie Mama will ich nie leben\u2019 hatte sie gesagt, aber als Marlon ihr Flucht unterstellt hatte, war sie w\u00fctend geworden. \u201aQuatsch\u2019, hatte sie gefaucht, \u201adie Uni ist f\u00fcr meine F\u00e4cher einfach besser als K\u00f6ln\u2019. Er glaubte das bis heute nicht. Sie hatte nur weggewollt von dem Geruch. Er hatte das nie wahrgenommen, aber Nele war immer schlecht geworden, wenn ihr Vater sie umarmt hatte. Sie ekelte sich vor Biergeruch. Auch jetzt noch als Studentin. Sie lehnte Alkohol kategorisch ab. Jetzt waren nur noch er und seine Mutter da. Und sein Vater nat\u00fcrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGeht Papa heute zur Arbeit?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Brandes sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eEr ist noch krankgeschrieben\u201c, seufzte sie, \u201eer beh\u00e4lt einfach kein Essen bei sich. Der Virus ist diesmal wirklich hartn\u00e4ckig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon sah sie an. Keine hochgezogene Augenbraue, kein Zucken des Mundwinkels. Sie glaubte, was sie sagte. Er stand auf. \u201eIch muss jetzt. Tsch\u00fcss, Mama.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nickte. \u201eViel Gl\u00fcck, Schatz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sorgf\u00e4ltig schloss er die K\u00fcchent\u00fcr hinter sich und b\u00fcckte sich, um nach dem Rucksack zu greifen, als er von hinten angesto\u00dfen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWohin des Weges, junger Mann?\u201c Genervt richtete Marlon sich auf. Der hatte ihm gerade noch gefehlt. Im \u00fcblichen Heimoutfit, der alten Jogginghose und einem verwaschenen T-Shirt, hatte sein Vater sich vor ihm aufgebaut. Mit der rechten Hand st\u00fctzte er sich an der Wand ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch muss in die Schule, Papa.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo ist es richtig Junge. Sei flei\u00dfig, dann bringst du es zu etwas im Leben.\u201c Er ging einen Schritt zur Seite, um Marlon Platz zu machen. \u201eReisende soll man nicht aufhalten. Adios, mein Sohn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als Marlon vor die Haust\u00fcr trat, musste er lachen, obwohl ihm nicht lustig zu Mute war. Wie seine Eltern redeten. Seine Mutter sagte \u201aSchatz\u2019 und meinte es ernst, aber das Wort erreichte ihn nicht wirklich. Und sein Vater, der sprach nur in Versatzst\u00fccken. Sequenzen aus alten Filmen und B\u00fcchern, so kam es Marlon vor. Er sprach nicht wirklich mit einem oder besser gesagt: es sprach nicht aus ihm.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>(Fortsetzung n\u00e4chsten Sonntag)<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p> <strong>I. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Marlon (2)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Am Schultor f\u00e4delte Marlon sich in die Sch\u00fclerschlange ein und lie\u00df sich langsam zum Geb\u00e4ude treiben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHey, Marlon!\u201c Jenny K\u00f6ster schlug ihm kumpelhaft auf die Schulter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHey, Jenny\u201c, sagte Marlon erfreut. Er wusste, dass Jenny ihn nett fand, er fand sie auch nett, aber er wusste nicht, wie er das mitteilen sollte. Vor allem wusste er nicht, was sie mit ihm anfangen sollte, wenn sie je zusammen k\u00e4men. Er war keiner von den Coolen, die ihre M\u00e4dchen locker in Gegenwart anderer auf den Scho\u00df nahmen oder die st\u00e4ndig was losmachten, so dass keine Langeweile aufkam. Er sa\u00df meist zu Hause, las oder besch\u00e4ftigte sich mit dem Computer. Und jetzt fiel ihm nat\u00fcrlich nichts ein, was er zu Jenny sagen k\u00f6nnte. Sie sah ihn erwartungsvoll an, und ihm wurde der Hals trocken bei der Vorstellung, dass sie den Blick wieder von ihm wenden w\u00fcrde, ehe er etwas Vern\u00fcnftiges ge\u00e4u\u00dfert hatte. Irgendetwas, das ihr vermittelte, dass er kein Vakuum in der Birne hatte und dass er sie gerne mochte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, Jenny? Hast du Mathe noch hingekriegt?\u201c Es war Nils, der seinen Arm unbefangen um Jennys Schulter legte und mit ihr davon schlenderte. Sie zwinkerte Marlon noch kurz zu, aber dann war diese Gelegenheit wie so viele davor unwiderruflich vorbei.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlter, was ist los? Du schaust so deppert.\u201c Gonzo grinste, fasste sich kurz in den Schritt und t\u00e4nzelt vor Marlon auf und ab wie ein gest\u00f6rter Rapper. Marlon verzog das Gesicht. Gonzo war nicht der Schlimmste, aber absolut nicht seine Wellenl\u00e4nge. Keine zwei Minuten konnte der sich unterhalten ohne Ausschau nach irgendeinem M\u00e4dchen zu halten, dem er zuwinken oder wesentlich aufdringlichere Zeichen geben konnte. Bei Gonzo schien absoluter sexueller Notstand zu herrschen und die Hormone sein Oberst\u00fcbchen zu \u00fcberschwemmen, denn schulisch brachte er in diesem Jahr nichts auf die Reihe. Marlons Gedankenfluss geriet ins Stocken. Und was war es bei ihm? Noch in der letzten Stufe hatte er ohne Probleme gelernt und jetzt pl\u00f6tzlich fragte er sich st\u00e4ndig nach dem Sinn. Egal welche Hefte und B\u00fccher er aufschlug, nach kurzer Zeit blickte er Zahlen und Buchstaben an ohne sie zu verstehen. Seine Gedanken machten sich selbstst\u00e4ndig, flogen irgendwo hin. Sausten in den blauen Himmel. Er konnte ewig nur dasitzen und auf das Dach des n\u00e4chsten Hauses schauen. Sich wundern \u00fcber die gestochen scharfe Linie zwischen Himmelsblau und Dachfirst.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMann, Alter, du bist wirklich abgedreht.\u201c Gonzo sch\u00fcttelte den Kopf und schloss sich einem Trupp Jungs an, die ebenso wie er Muskelshirts trugen und die Kappen verkehrt herum auf dem Kopf hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Erleichtert ging Marlon alleine weiter. Der Strom der Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen hatte sich inzwischen gelichtet. Die ersten waren schon ins alte Hauptgeb\u00e4ude abgezweigt und diejenigen, die wie er in den Neubau geschlendert waren, hatten sich auf die verschiedenen Etagen verteilt. Mit leichtem Magendruck durchschritt er die T\u00fcr zum Klassenzimmer, in dem die Matheklausur stattfinden w\u00fcrde. Er lie\u00df sich auf seinen angestammten Platz fallen und harrte ergeben der Dinge, die unabwendbar in Form der Mathearbeit auf ihn zukommen w\u00fcrden. Soweit er sehen konnte, waren alle Kursteilnehmer versammelt. Der leichte Magendruck steigerte sich zum Brechreiz, als Herr Mantel mit der Mappe unter dem Arm hereinkam, in der er die Klausuraufgaben aufzubewahren pflegte. Es gongte und Herr Mantel schloss die T\u00fcr. Er baute sich neben dem Pult auf und lie\u00df den Blick durchs Klassenzimmer schweifen. Herr Mantel geh\u00f6rte zu den Lehrern, die Marlon nett fand, darum tat es ihm leid, dass er gerade bei ihm seine erste Arbeit verhauen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKeiner fehlt, wunderbar, da k\u00f6nnen wir ja sofort loslegen. Guten Morgen, alle miteinander!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuten Morgen\u201c, kam es mehr oder weniger beherzt zur\u00fcck. Manche sagten nichts und einige antworteten \u00fcbertrieben laut, aber alles hielt sich im Rahmen und so teilte Herr Mantel zufrieden die Aufgabenbl\u00e4tter aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer Fragen zu den Aufgaben hat, bitte sofort melden, damit wir das gemeinsam kl\u00e4ren k\u00f6nnen\u201c, sagte Herr Mantel gerade, als die T\u00fcr ruckartig aufgesto\u00dfen wurde und ein fremder Junge eintrat. Mit leisem Klacken lie\u00df er die T\u00fcr hinter sich ins Schloss fallen. Es schien ihm nichts auszumachen, dass s\u00e4mtliche Blicke ihm zugewandt waren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas gibt es denn?\u201c, fragte Herr Mantel etwas ungehalten. \u201eWir wollen gerade mit einer Klausur beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>(Fortsetzung n\u00e4chsten Sonntag)<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong> I.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Marlon (3)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin neu und\ndiesem Kurs zugeteilt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas? Das ist\naber ungew\u00f6hnlich. Normalerweise gibt man uns Bescheid, wenn wir einen neuen\nSch\u00fcler bekommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Junge zuckte\ngleichg\u00fcltig die Achseln.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, gut\u201c, sagte\nHerr Mantel nach kurzem \u00dcberlegen, \u201eschreibe die Arbeit mit, ich kl\u00e4re das\nsp\u00e4ter.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Der Neue griff\nnach dem Aufgabenblatt, dass der Lehrer ihm hinhielt, und schlurfte dann zu dem\neinzig freien Tisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Herr Mantel\nschenkte seine Aufmerksamkeit erneut dem gesamten Kurs. \u201eAlso bitte, jetzt,\nKonzentration. Die ersten zehn Minuten stehe ich noch f\u00fcr Fragen zur Verf\u00fcgung,\ndann muss jeder selbst zurecht kommen.\u201c Er setzte sich ans Pult und \u00f6ffnete das\nKursheft. \u201eDeinen Namen, bitte\u201c, wandte er sich noch einmal dem Neuen zu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNagel\u201c,\nantwortete der, \u201eLancelot Nagel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Einige Sch\u00fcler\nkicherten, auch Marlon hatte M\u00fche ein Lachen zu unterdr\u00fccken. \u201eLancelot\u201c, wer\nbenannte denn sein Kind nach einem Ritter der Tafelrunde? Durfte man das? Na\nja, er selbst war auch nicht gerade gl\u00fccklich \u00fcber seinen Namen. Seine Mutter\nhatte f\u00fcr diesen Schauspieler geschw\u00e4rmt und erst hinterher kapiert wie eng\nauch noch ihr Nachname an das Idol gebunden war. Da Marlon in der Mitte des\nRaumes sa\u00df, brauchte er sich nur leicht zur Seite zu drehen, um Lancelot Nagel\nzu begutachten. Er hatte \u00c4hnlichkeit mit Eminem, war das Zufall oder Absicht?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMarlon, w\u00fcrdest\ndu dich bitte deiner Arbeit zuwenden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Verlegen wandte\nsich Marlon dem Blatt zu. Das hatte er schon auf den ersten Blick erkannt, dass\ner heute nicht viel rei\u00dfen w\u00fcrde. Die Formeln hatte er drauf, aber er wusste\nnicht, was diese Aufgaben damit zu tun hatten. Deshalb nahm er einfach ein paar\nGr\u00f6\u00dfen aus den Aufgaben, ein paar Zutaten aus den Formeln und mixte sie. Er kam\nsich vor wie ein Barkeeper. Gegen unendlich, ger\u00fchrt aber nicht gesch\u00fcttelt.\nJames Bond fiel ihm ein, aber keine gescheite Rechnung. Trigonometrie on the Rocks. Ein leeres\nBlatt abgeben, das brachte er nicht. Dazu stehen: ich wei\u00df nichts, also schreib\nich nichts. Coole Haltung, leider nicht kompatibel mit Marlon Brandes. Nachdem\ner einige unsinnige Ergebnisse zusammengemixt hatte, klopfte er ein bisschen\nmit dem Bleistift auf dem Tisch und schaute dann nachdenklich an die Decke.\nIntelligent aussehen, das lag ihm. Vielleicht sollte er Schauspieler werden.\nDie konnten alles sein. Professor, Bankdirektor, M\u00f6rder, Architekt,\nJuwelier&#8230;einfach alles, dabei waren sie nur eins: Schauspieler. Oje, Herr\nMantel nahm seinen Rundgang auf. Marlon legte seine Bl\u00e4tter zusammen und drehte\nsie dann herum, so dass die letzte, unbeschriebene Seite oben lag. Herr Mantel\nsollte den geistigen D\u00fcnnschiss nicht in seiner Anwesenheit entdecken. Das w\u00e4re\necht peinlich. Aber Herr Mantel nahm einen anderen Weg. Er begutachtete die\nAufgaben der Sch\u00fcler an der Wandseite. Schlie\u00dflich langte er bei Lancelot an.\nEr legte die H\u00e4nde auf den R\u00fccken und wippte auf den Zehenspitzen. \u201eMh, mh, mh.\nNicht schlecht junger Mann.\u201c Wie ein Studienrat aus der Feuerzangebowle. Warum\nfielen ihm im Moment nur all die alten Schinken ein, die er mal mit seiner\nMutter angesehen hatte? Und warum konnte so ein Idiot, der gerade\nhereinspaziert war, die Aufgaben, die ihm unl\u00f6sbar schienen?<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon hatte die\nNase voll. Aber wenn er als erster abg\u00e4be, w\u00fcrde Mantel bestimmt in seiner\nArbeit herumbl\u00e4ttern. Egal, er w\u00e4re ja dann nicht dabei. Trotzdem, erster\nwollte er nicht sein. Marlon kritzelte auf dem Nebenrechnungsblatt herum. Er\nw\u00fcrde warten bis mindestens einer vorher abgegeben hatte. Und da stand Jenny\nauf. Jenny. Wenn das kein Omen war. Gebannt folgte Marlon jedem ihrer Schritte.\nWie sie ging. So selbstverst\u00e4ndlich. Bei vielen M\u00e4dchen merkte man genau, die\nliefen f\u00fcr Publikum, st\u00f6ckelten daher wie auf dem Catwalk. Aber Jenny lief\nweich, wie eine Raubkatze, die allein unterwegs war. Sich selbst gewiss und\nfrei. Sie legte ihre Arbeit aufs Pult.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchon fertig,\nJenny?\u201c Herr Mantel stand noch immer neben Lancelots Tisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Jenny nickte freundlich und verlie\u00df leise den Raum. <\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>(Fortsetzung folgt- vermutlich Sonntag;))<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p> I.<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon (4)<\/p>\n\n\n\n<p>Los, Marl, das\nist die Gelegenheit! Jenny w\u00fcrde drau\u00dfen an der Bank stehen. Allein. Das war\nimmer so. Die ersten warteten auf die anderen und dann quatschte man \u00fcber den\nTest. Marlon drehte die Klausurb\u00f6gen um und um. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBist du auch\nschon fertig?\u201c Herr Mantel war wieder zum Pult zur\u00fcckgekehrt und schaute zu\nMarlon her\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon hob\nunschl\u00fcssig die Schultern.&nbsp; \u201eIch \u00fcberleg\u2019\nnoch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, dann\u201c, Herr\nMantel lie\u00df sich auf dem Lehrerstuhl nieder und nickte ihm zu, \u201edu hast noch\ngen\u00fcgend Zeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das wei\u00df\nich. Und deshalb will ich jetzt hinaus zu Jenny. Weil noch Zeit ist und ich als\nerster bei ihr sein k\u00f6nnte. H\u00e4tte sein k\u00f6nnen, verbesserte Marlon sich. Gerade\nwar Nils aufgestanden und hatte seine sorgf\u00e4ltig zusammengelegte Arbeit unter\ndem wohlwollenden Blick Herrn Mantels auf Jennys gelegt. Und jetzt erhob sich\nauch noch Gonzo. Das durfte nicht wahr sein. Er hatte nur herumgebastelt und\ndie anderen waren in der gleichen Zeit fertig geworden. Marlon atmete tief\ndurch und stand ebenfalls auf. Gleich nach Gonzo gab er ab und verlie\u00df\nfluchtartig den Raum. <\/p>\n\n\n\n<p>Als er auf den\nHof trat, sa\u00dfen Jenny, Nils und Gonzo schon auf besagter Bank. Marlon n\u00e4herte\nsich langsam und blieb schlie\u00dflich mit zwei Meter Abstand vor ihnen stehen. Wie\nerwartet verglichen sie ihre Ergebnisse. Genauer gesagt plauderten Nils und\nJenny, Gonzo war auffallend still. War wohl auch ein Schuss in den Ofen\ngeworden, seine Arbeit. Jenny sah zu ihm her\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKomm, setz\u2019\ndich zu uns, Marlon!\u201c Einladend schlug sie mit der Handfl\u00e4che auf die Bank.\nMarlon sch\u00fcttelte den Kopf. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNee, danke, ich\nsteh\u2019 lieber.\u201c Direkt neben Jenny war kein freier Platz und was hatte er davon,\nNils oder Gonzo auf die Pelle zu r\u00fccken. Da blieb er lieber vor ihr\nstehen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas das wohl\nf\u00fcrein Typ ist?\u201c Nils guckte an Marlon vorbei und als Jennys Augen\ndem Blick folgten, drehte Marlon sich um. Der Neue stand in der T\u00fcr und z\u00fcndete\nsich eine Zigarette an. <\/p>\n\n\n\n<p>Gonzo grunzte.\n\u201eVon Rauchverbot hat der wohl noch nie geh\u00f6rt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOder es ist ihm\negal\u201c, vermutete Nils. \u201eKommt der zu uns r\u00fcber oder nicht, was meint ihr?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Neue hatte\nsich an die Hauswand gelehnt und betrachtete das Hauptgeb\u00e4ude. Zumindest sah es\nso aus. Eine Weile starrten alle vier zu ihm hin. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer kommt\nnicht\u201c, meinte Jenny schlie\u00dflich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSeh\u2019 ich auch\nso\u201c, nickte Gonzo.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd du, was\nmeinst du?\u201c Nils tippt Marlon mit der Schuhspitze gegen die Wade.<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon drehte\nsich wieder um und zuckte die Achseln. Er war derselben Meinung, aber er hatte\nkeinen Bock Echo zu spielen. Zugleich fragte er sich, was ihn so sicher machte,\ndass Lancelot nicht kommen w\u00fcrde. Er wusste nicht, wie lange er so dagestanden\nhatte, als er beschloss, eine Runde Stra\u00dfenbahn zu fahren. Es hatte schon\ngegongt und die Bank war inzwischen voller Sch\u00fcler.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch geh\u2019 dann\njetzt\u201c, sagte Marlon und obwohl er nur sich selbst als Adressaten im Sinn\nhatte, schaute Jenny zu ihm hin. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWieso? Wir\nhaben doch noch Englisch!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon zuckte\ndie Achseln. Im Weggehen meinte er einen Schatten in Jennys Augen wahrzunehmen,\naber das bildete er sich bestimmt ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBahnhaltestelle war gleich zwei Stra\u00dfen weiter. Er studierte den Fahrplan, um\nbesch\u00e4ftigt auszusehen. Er wusste wann die Bahnen fuhren, schlie\u00dflich geh\u00f6rte\nBahnfahren zu einem seiner seltenen Hobbys. Schau an, das h\u00e4tte er fast\nvergessen, bei der Aufz\u00e4hlung seiner Interessen. Vielleicht w\u00e4re das ja\nreizvoll f\u00fcr ein M\u00e4dchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Heute w\u00fcrde er\ndie 9 nehmen. Die 9 und die 13 fuhren sch\u00f6n weit. Die 18 auch, aber hier kam\nnur die 9 vorbei. Also einmal \u00fcber den Rhein. Bahnfahren war angenehm. Man tat\nnichts und kam trotzdem vorw\u00e4rts. Au\u00dferdem schaute er gern. Stadt, Land, Fluss\nund eigentlich auch Menschen. Solange sie ihm nicht zu nahe kamen und etwas von\nihm wollten. Wenn er sie von Weitem beobachtete, malte er sich ihr Leben aus.\nDas funktionierte besonders gut, seitdem er den Film \u201eLola rennt\u201c gesehen\nhatte. Die Story fing dreimal neu an und nahm jedes Mal einen anderen Verlauf.\nDas fand er besonders spannend, dass jeder die M\u00f6glichkeit f\u00fcr viele\nverschiedene Leben in sich barg. Nicht nur f\u00fcr das eine, elend eingefahrene und\nlangweilige, wie seine Eltern es f\u00fchrten. Aber wenn es nur langweilig gewesen\nw\u00e4re, es war jammervoll. Und er hatte keine Ahnung, wie er sich aus diesem\nFahrwasser befreien sollte. Das sah man ja schon an der Sache mit Jenny. So oft\nhatte sie ihm signalisiert, dass sie an ihm interessiert war, aber er bekam die\nKurve nicht. Er w\u00fcrde immer nur stumm wie ein Fisch das Maul \u00f6ffnen und\nschlie\u00dfen, w\u00e4hrend Nils sie nach und nach mit seiner charmanten Tour einwickeln\nw\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Da kam die Bahn\nendlich. Marlon fand einen Einzelplatz. Er setzte sich und lehnte sich gegen\ndas Fenster. So konnte er bequem hinausschauen und nichts zwang ihn zu einem\nanderen Fahrgast Kontakt aufzunehmen.&nbsp;&nbsp;&nbsp; \n\nZwei Stationen war er gefahren und hatte noch nichts gesehen. Es dauerte\nmeistens etwas, bis etwas aufnehmen konnte. Zuerst flog es nur so vorbei. Als\nsein Blick sich an das Fahrtempo gew\u00f6hnt hatte und Geb\u00e4ude, B\u00e4ume, Wiesen\naufnahm und abspeicherte, zuckte Marlon pl\u00f6tzlich zusammen. Jemand hatte einen\nFinger oder anderen spitzen Gegenstand in sein linkes Schulterblatt gebohrt. \n\n\n\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>(<strong>Fortsetzung<\/strong> <strong>folgt)<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>I.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Marlon (5)<\/p>\n\n\n\n<p>Er hielt den\nAtem an, bis das Druckgef\u00fchl verschwand. Das war noch nie vorgekommen. Die\nBahnfahrten hatte er bisher immer durchf\u00fchren k\u00f6nnen, ohne dass ihn\nirgendjemand beachtet h\u00e4tte. Hatte sich wer vertan und hielt ihn f\u00fcr eine\nandere Person? Oder war es nur Quatsch? Marlon starrte weiter aus dem Fenster.\nEr w\u00fcrde so tun, als w\u00e4re nichts gewesen. Als er sich gerade entspannen wollte,\nwurde sein R\u00fccken erneut traktiert. Langsam drehte Marlon sich um und schaute\ndirekt in das Gesicht von Lancelot. Dessen blaugraue Augen taxierten ihn, als\nsolle er der neue Neo werden. Aber vielleicht kannte Lancelot \u201eMatrix\u201c nicht\neinmal. Marlon wartete darauf, dass Lancelot etwas sagte. Es vergingen mindestens\nzwei Minuten, die neue Haltestelle wurde bereits durchgesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGehst du mit\nr\u00fcber?\u201c Mit einem Nicken wies Lancelot auf die freie Zweiersitzbank schr\u00e4g\ngegen\u00fcber.&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Marlon hatte null Lust, aber was sollte er\nmachen. ;Nein sagen\u2019 lag ihm nicht. Lancelot sa\u00df schon, als Marlon sich neben\nihn fallen lie\u00df. Er schien auch nicht schwatzhaft zu sein, denn es verging\nwieder einige Zeit, ehe er erneut das Wort an Marlon richtete.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMachst du das\n\u00f6fters?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFr\u00fcher\nabhauen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAb und zu.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd die\nEntschuldigungen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch sag zu\nHaus, mir war nicht gut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Lancelot verzog\ndas Gesicht. \u201eHab\u2019 ich nicht n\u00f6tig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon fragte\nsich, was jetzt kommen w\u00fcrde, aber es kam nichts weiter. Deshalb nahm er die\nGelegenheit wahr und schaute wieder aus dem Fenster. Lancelot tat auch nichts\nanderes. Als die Bahn die letzte Station erreicht hatte, blieben sie einfach\nsitzen. Marlon fuhr meist hin und her und merkte, dass es ihm nicht unangenehm\nwar, als Lancelot die Tour offensichtlich mitmachen wollte. Sie hatten fast\nnichts gesprochen und trotzdem schien Lancelot ihm jetzt schon n\u00e4her als viele\nder Mitsch\u00fcler, mit denen er jahrelang in eine Klasse gegangen war. Warum hatte\ner nie mit Jenny \u00fcber seine Fahrten gesprochen? Mit ihr w\u00e4re es noch besser\ngewesen. Aber ob sie das mitgemacht h\u00e4tte? Sie hatte zwar immer gesagt \u201eBleib\nhier\u201c, wenn er abgehauen war, aber es hatte sie nie interessiert, was er dann\ngemacht hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Ende der\nFahrpause f\u00fcllte der Waggon sich langsam wieder. Eine Frau mit einem Korb\nvoller Gr\u00fcnpflanzen stieg ein. Marlon wurde \u00fcbel von dem extremen Geruch nach\nMaggi, den die Pflanzen ausstr\u00f6mten. Als die Frau sich zwei Reihen vor ihnen\nniederlie\u00df, sprang er auf und verlie\u00df den Wagen. Er lief an den ge\u00f6ffneten\nT\u00fcren vorbei und stieg ganz vorne wieder ein. Dankbar sog er die fast klare\nLuft ein. In der Stra\u00dfenbahn wurde&nbsp; man\nmit einigen Ger\u00fcchen konfrontiert, aber nur selten musste er die Flucht\nergreifen. Als er sich setzte, stieg auch Lancelot ein und setzte sich wie\nselbstverst\u00e4ndlich neben ihn. Marlon kam sich immer mehr vor wie in einem Film.\nEr k\u00f6nnte es ja auch mal ausprobieren mit einer anderen Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHei\u00dft du\nwirklich Lancelot?\u201c fragte er deshalb.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eQuatsch.\u201c Zum\nersten Mal verzog Lancelot, der nicht so hie\u00df, die Lippen zu einem Grinsen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWei\u00dft du, was\nsuper ist? Wenn du dich zum ersten Mal irgendwo vorstellst, kannst du jeden\nNamen nennen. Und f\u00fcr die Leute bist du dann derjenige. An dieser Schule bin\nich jetzt Lancelot.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon antwortete nicht. Eigentlich fand er es wichtig, den richtigen Namen zu wissen, aber er wollte es nicht zugeben. Denn Lancelot dachte nicht an andere Lebensentw\u00fcrfe, er lebte sie bereits. Auch wenn erst mal nur durch einen Namen. <\/p>\n\n\n\n<p>Marlon war froh, als er endlich in seinem Zimmer sa\u00df. Das Abendessen war wie immer gewesen. Er hatte das Gef\u00fchl seine Mutter unterhalten zu m\u00fcssen. Vollkornbrot mit Rauchfleisch und Cornichons und eine Tasse Tee. Ein Salat hin und wieder. Gott sei Dank schmeckte ihm das. Seine Mutter hielt an dem Mal fest, wie an einem Ritual. Als ob es ihr Ruhe g\u00e4be, jeden Abend das gleiche Brot zuzubereiten. Sein Vater sa\u00df nat\u00fcrlich schon im Wohnzimmer. Essen vertrug er im Moment nicht. Bier und Schnaps schon. Wie blind war seine Mutter eigentlich? Aber Nele und er waren sich ja schon lange einig, dass sie es nicht mehr wissen wollte. Vor Jahren waren die Eltern mal beim Hausarzt gewesen. Nele hatte es Marlon erz\u00e4hlt. Ihre Mutter hatte angenommen, ihr Vater trinke zuviel. Danach war sie mit dem Gef\u00fchl nach hause gekommen, ihrem Mann das wohlverdiente, abendliche Bier nicht zu g\u00f6nnen. Und damals hatte sie den Schalter wohl umgelegt. Ihre Wahrnehmung hatte sie getrogen, es war alles in Ordnung. Marlon rieb sich die Stirn. Konnte man ihr das ver\u00fcbeln? Er schaltete den Computer an und zog das Zettelchen aus der Tasche. <\/p>\n\n\n\n<p><em>(Fortsetzung folgt- n\u00e4chsten Mittwoch<\/em>, <em>see you&#8230;)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>(<em>&#8230;\u00e4hhhh, heute ist Montag der 1. M\u00e4rz 2021 &#8230; :D, da sich niemand beschwert hat, hat auch niemand die Fortsetzung vermisst. Komm erst jetzt wieder dazu und find die Geschichte immer noch spannend, obwohl sie aus der Steinzeit der sozialen Medien stammt, gerad war ICQ aufgekommen. Okay, viel Vergn\u00fcgen, wenn euch der seelische Zustand von Jugendlichen interessiert. Trotz aller technischen Entwicklung hat sich seit  Sch\u00fcler Gerber von Friedrich Torberg \u00fcber The Wall von Pink Floyd bis heute nicht viel daran ge\u00e4ndert, dass es Heranwachsenden oftmals sch&#8230; schlecht geht.<\/em>)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>I.<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon (6)<\/p>\n\n\n\n<p>Lancelot hatte\nihm genau erkl\u00e4rt, wie es geht. Wie er sich im ICQ registrieren lassen und dann\nmit Lancelot \u00fcber dessen Nummer kommunizieren konnte. Bisher hatte Marlon eher\nziellos im Internet gesurft, sein Wissen erweitert, gespielt; es erf\u00fcllte ihn\nmit einer angenehmen Aufgeregtheit, zu jemandem da drau\u00dfen Verbindung\naufzunehmen, nicht nur einzutippen, sondern auch etwas zu empfangen, das genau\nf\u00fcr ihn bestimmt war. Er war gespannt, ob es \u00fcberhaupt funktionierte. Es ging\nviel leichter, als er es sich vorgestellt hatte. Kein Wunder, dass auch schon\ndie j\u00fcngsten Sch\u00fcler damit umgehen konnten. Er hatte h\u00e4ufig mitbekommen wie die\nanderen sich dar\u00fcber unterhielten, aber nie nachgehakt. \u201eBist du auch im ICQ?\u201c\nhatte Jenny mal gefragt. Er hatte den Kopf gesch\u00fcttelt und sie wahrscheinlich\nangenommen, dass er kein Interesse daran h\u00e4tte. Jetzt war er also auch Mitglied\ndieser riesigen Gemeinschaft. Selbst wenn er nur die Nummer von Lancelot hatte,\nerf\u00fcllte ihn das mit einem \u00fcberraschend guten Gef\u00fchl. Es machte ihm Spa\u00df sich\neinen nickname zuzulegen. In Anlehnung an Lancelot, der den Namen f\u00fcr ihren\nvirtuellen Austausch beibehalten wollte, hatte er sich f\u00fcr Galahad entschieden.\nDie Ritter der Tafelrunde hatten Marlon immer schon fasziniert und Galahad, der\n\u201eMakellose Ritter\u201c, war sein Favorit. Dass er der Sohn Lancelots war, schien\nihm nicht unpassend, schlie\u00dflich hatte Lancelot Marlon angesprochen und ihn ins\nICQ gebracht. Marlon tippte seine erste Nachricht ein.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8211; Hey,\nLancelot, Galahad ist angekommen. <\/em>Die Antwort lie\u00df nicht lange auf sich\nwarten. <\/p>\n\n\n\n<p><em>-Hallo,\nGalahad, dachte schon es wird heute nichts mehr. Was machst du?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>-Ich schreibe\ndir.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8211; H\u00f6h\u00f6. Ich\nzieh mir gerade Tonio Kr\u00f6ger rein. Der alte Tommi hatte es drauf, was?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8211; Tommi?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8211; Na, Thomas\nMann, du Schnellmerker. Tonio Kr\u00f6ger kennst du also nicht. Schade.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Marlon war begeistert.\nDa quatschte einer mit ihm, w\u00e4hrend er in seinem Zimmer sa\u00df, wie jeden Abend.\nSeine Eltern wussten nicht, dass er gar nicht wirklich allein war. Und wie\nLancelot mit allem umging. Thomas Mann, \u00fcber den hatte er in der Schule nur\nsteif rumgeredet. Tommi. Das war Klasse. Warum war schade, dass er Tonio Kr\u00f6ger\nnicht kannte. <em>&nbsp;<\/em>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8211; Wieso\nschade?<\/em> fragte er Lancelot.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Weil er\nwei\u00df, wie es ist, allein und ausgeschlossen von den Ordentlichen und\nGew\u00f6hnlichen zu sein, zumindest als Jugendlicher, lies nur die\nJugendgeschichte, Galahad, Tonio k\u00f6nnte unser Freund sein. <\/p>\n\n\n\n<p>In Marlons Kopf\nwirbelte es. Sowie er selbst Filme als Vorlage f\u00fcr seine Gedankenwelt benutzte,\nals ein Tor hinaus aus der Realit\u00e4t, machte es Lancelot mit der Literatur.\nWieder ein Indiz f\u00fcr ihre Wellenl\u00e4nge. Kein Wunder, dass Lancelot ihn\nherausgepiekt hatte. Ihm wurde schwindelig bei der Vorstellung, welche Welten\nsie gemeinsam betreten konnten. Eigentlich gab es jetzt keine Grenzen mehr.\nMarlons Herz klopfte. Hinaus aus dem stickigen Reihenhaus mit Alkoholmief in\neine Welt, die sie selbst erschaffen konnten. Das war wie Fliegen. Marlon\nstarrte auf Lancelots letzte Zeilen. <\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Bevor Tonio\nmein Freund wird, m\u00fcsste ich ihn kennen lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>-Ich kann dir\ndas Buch leihen. So wichtig ist es auch nicht. Gibt sicher noch bessere Kumpel.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; An wen\ndenkst du?<\/p>\n\n\n\n<p>-Wei\u00df nicht.\nNiemand bestimmtes. Vielleicht sollten wir das gemeinsam herausfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>-Wie?<\/p>\n\n\n\n<p>-B\u00fccher,\nFilme, Computerspiele, Zeitungen, Nachrichten, etc.?<\/p>\n\n\n\n<p>Marlon f\u00fchlte\nsich atemlos wie nach einem Hundertmeterlauf. Lancelot schien alles im\nZeitraffer erledigen zu wollen. <\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Wann?<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; K\u00f6nnen wir\nmorgen besprechen. Hab\u2019 jetzt noch was vor. Zum Abschluss eine Quizfrage: Wenn\nGonzo einen IQ Punkt weniger h\u00e4tte, w\u00e4re er dann eine Topfpflanze? [&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl Marlon die Frage lustig fand wusste er nichts\nRechtes darauf zu antworten.<\/p>\n\n\n\n<p>-Was bedeutet [&#8230;?<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Unser K\u00fcrzel\nf\u00fcr Ende, Galahad.[&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Entt\u00e4uscht starrte Marlon auf&nbsp; den Bildschirm. Er hatte gehofft, Lancelot h\u00e4tte den ganzen Abend Zeit, aber der hatte nat\u00fcrlich Besseres vor. <em>Ich habe einen neuen Freund, aber der spielt schon mit jemand anders. <\/em>\u00dcber diesen Satz hatte seine Mutter herzlich lachen m\u00fcssen, als er damit in einem Urlaub seine unerwartet fr\u00fche R\u00fcckkehr ins Ferienhaus erkl\u00e4rte. Genau besehen war die Erkl\u00e4rung ja witzig gewesen, aber wenn er den Witz beiseite lie\u00df, war die Situation kennzeichnend f\u00fcr sein Leben, und das war dann nicht mehr lustig. <em>&nbsp;&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>(<em><strong>So, diesmal versuche ich mein Versprechen zu halten: der n\u00e4chste Teil des Fortsetzungsromans kommt innerhalb der n\u00e4chsten 8 Tage&#8230; damit find ich mich (jetzt!) netter als manchen Netflixproduzenten, da muss man auf die n\u00e4chste Staffel auch meist ein Jahr oder l\u00e4nger warten&#8230; aber am schlimmsten sind echt Cliffhanger wie bei Arsene Lupin mit Omar Sy, so&#8216; ne coole Story und jetzt h\u00e4ngt man f\u00fcr Jahre in der Luft O.O. &#8230;Hey, und die Spannung steigt: in der n\u00e4chsten Folge steht eine andere Person im Focus<\/strong><\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Hmmm, sorry, hat dann doch wieder 3 Wochen gedauert, obwohl man in dieser Pandemiezeit weniger unternimmt scheint das, was man tut, langsamer zu gehen&#8230; allerdings f\u00fcrchte ich, macht man auch viel Unsinniges im Moment, aber das wei\u00df nat\u00fcrlich nur jeder f\u00fcr sich selbst;)<\/em><\/strong> <strong><em>Oki, hier kommt<\/em> Lena<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lena  (7)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Lena Hansen steckte die Karte ihrer neuen Kamera in den Cartreader des Laptops. Sie hatte das unglaubliche Teil von ihrem Patenonkel zum Geburtstag bekommen. \u00dcberraschung, \u00dcberraschung. Gut betucht war er ja, aber ein solches Geschenk war einfach nicht zu erwarten gewesen. Jetzt war sie gespannt auf die Qualit\u00e4t der Fotos. Sie richtete den Ordner ein und betrachtete die erste Aufnahme. Sie lachte in sich hinein. Marlon life. Steht wie ein Sendemast vor der Bank mit Kleinhirn und Sch\u00f6nling und der Angebeteten. Jeder wusste, dass er auf Jenny stand, aber er hatte einfach nicht den Mumm, das zu ver\u00f6ffentlichen. Jenny war nett, keine Tussi, das sprach f\u00fcr Marlons Geschmack. F\u00fcr Lenas Geschmack war sie zu normal. Ein Outfit, das keine Reibung mit \u00dc 30 versprach. Nur nicht anecken. Das war es sicher, was Marlon und Nils anzog. H\u00fcbsch und unkompliziert. Und das war es sicher auch, was Lena unsichtbar machte f\u00fcr die jungen Herren. Sie zupfte an ihrem Augenbrauenpiercing und steckte den kleinen Finger durch das Riesenloch in ihrem Ohrl\u00e4ppchen. Davor gruselten sich manche, auch vor ihren ewig schwarzen Klamotten. Sie \u00fcberlegte, ob sie sich verkleiden w\u00fcrde, Marlon zu Liebe. Erneut studierte sie das Bild, auf dem er mit seinen langen, braunen Locken und den abgetragenen Jeans eher wie Jim von der Schatzinsel aussah, als wie ein Angeh\u00f6riger der Cybergeneration. Na ja, ein paar von ihren Hackerfreunden liefen auch so rum, die verga\u00dfen vor ihren Bildschirmen jede \u00c4u\u00dferlichkeit. Lena klickte ein Foto weiter. Sie legte wert auf \u00c4u\u00dferlichkeiten, allerdings nicht im konventionellen Sinn, eher im Sinne von Foto\u00e4sthetik. Allein wie Baum und Bank Senkrechten bildeten, und die vier Personen v\u00f6llig unterschiedliche Linien zu dieser geometrischen Figur bildeten. Lena staunte das Foto in seiner gestochenen Sch\u00e4rfe an. Den Unterschied zu den Fotos ihrer kleinen Digi hatte sie zwar erhofft, aber nicht erwartet. Sie klickte das n\u00e4chste Foto an. Jetzt richteten alle ihren Blick auf den Ausgang des Nebengeb\u00e4udes. Lancelot Nagel, den hatte sie auch aufgenommen. Lena bildete sich etwas ein auf ihre Menschenkenntnis, aber zu diesem Eminem &#8211; Verschnitt fiel ihr auf Anhieb nichts ein. \u201eFassade\u201c war das einzige Wort, das sich ihr aufdr\u00e4ngte. Aber mit fr\u00fch gef\u00e4llten Urteilen war sie vorsichtig. Den Neuen w\u00fcrde sie noch&nbsp; genauer betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLena!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>-Nur in diesem Blog- Eine Anmerkung vorweg, die ich am 1. M\u00e4rz gemacht hab und als Einleitung auch nicht schlecht finde: (1. M\u00e4rz 2021 &#8230; :D, da sich niemand beschwert hat, hat auch niemand die Fortsetzung vermisst. 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